Backgroound Image

Ermordet von der Polizei – Gedenken an Oury Jalloh

Oury Jalloh verbrannte am 7. Januar 2005 gefesselt in einer Polizeizelle in Dessau. Die offizielle Version lautet bis heute Suizid. Ein Mann, fixiert an Händen und Füßen, auf einer schwer entflammbaren Matratze, soll sich selbst angezündet haben. Diese Darstellung steht im Zentrum eines der größten Justiz- und Polizeiskandale der Bundesrepublik und hält einer nüchternen Betrachtung kaum stand.

Am Morgen des 7. Januar 2005 wird Oury Jalloh in Dessau von der Polizei aufgegriffen. Der Vorwurf: Belästigung von Passantinnen. Belastbare Beweise dafür gibt es nicht, Zeugenaussagen widersprechen der Darstellung. Dennoch wird Jalloh festgenommen. Die Situation eskaliert, er wird zu Boden gebracht, gefesselt und in das Polizeirevier gebracht.
Im Revier wird Oury Jalloh in Zelle 5 untergebracht und an Händen und Füßen fixiert. Vier-Punkt-Fesselung. Er ist bewegungsunfähig und vollständig der Polizei ausgeliefert.
Gegen 11:40 Uhr löst der Brandmelder in der Zelle aus. Als die Tür geöffnet wird, steht die Matratze in Flammen. Oury Jalloh erleidet schwerste Brandverletzungen und stirbt. Die Polizei erklärt, er habe sich selbst angezündet. Als Beleg dient ein Feuerzeug, das erst später in der Zelle gefunden worden sein soll und bei der Beweissicherung anscheinend übersehen wurde. Hinweise auf Brandbeschleuniger werden ignoriert, Widersprüche in den Aussagen der Beamten bleiben ungeklärt.
Unabhängige Gutachten kommen in den folgenden Jahren zu dem Schluss, dass das Brandbild nicht zu der These passt, dass Jalloh die Matratze selbst entzündet haben soll. Die Hitzeentwicklung, die Verbrennungsspuren und der Zustand der Matratze sprechen für den Einsatz eines Brandbeschleunigers. Diese Ergebnisse werden bis heute nicht konsequent verfolgt.

Die Ermittlungen selbst werfen zahlreiche Fragen auf. Der Tatort wurde nicht ausreichend gesichert, die Zelle gereinigt, bevor alle Beweismittel gesichert wurden. Aussagen von Polizeibeamten widersprechen sich, ohne Konsequenzen. Ermittlungen werden verschleppt, das Verfahren eingestellt und Verantwortlichkeiten bleiben ungeklärt.

Die Polizei ermittelt gegen sich selbst, ein Interessenkonflikt, der eine Wahrheitsgemäße Aufarbeitung solcher Fälle strukturell verhindert. Auch die juristische Aufarbeitung bleibt unzureichend. Über Jahre hinweg beschäftigen sich Gerichte bis in den Höchsten Instanzen mit dem Fall. Das Verfahren wurde eingestellt. Es gibt keine politische Konsequenz, keine institutionelle Aufarbeitung. Dieses Vorgehen zeigt, dass es nicht um Aufklärung für die Opfer, sondern um Schadensbegrenzung für die Polizei geht.

Der Fall Jalloh macht sichtbar, wie eng die Interessen von Polizei, Staatsanwaltschaft und Justiz miteinander verflochten sind. Wenn ungerechtfertigte Polizeigewalt im Raum steht, greift ein Mechanismus aus Loyalität, Schutz und Relativierung, der die Beschuldigten Kolleg*innen schützt. Dies ist keine individuelle Praxis, sondern strukturelles Versagen.
Oury Jalloh war Schwarz, er war Geflüchteter. Marginalisierte Personen sind häufiger Opfer von ungerechtfertigten Polizeikontrollen und staatlicher Gewalt. Ihnen wird seltener geglaubt. Rassismus in staatlichen Institutionen äußert sich nicht nur in Beleidigungen, sondern in Entscheidungen, in Eskalationen, in der Frage, wessen Leben geschützt wird und wessen nicht.
Der Tod von Oury Jalloh ist deshalb nicht nur ein persönliches Schicksal, sondern ein politischer Fall. Er stellt die Frage nach der Rolle der Polizei in unserer Gesellschaft, nach Kontrolle und Transparenz, nach der Realität institutionellem Rassismus. Und er stellt die Frage, wie viel ein Menschenleben wert ist, wenn es gegen die Integrität einer staatlichen Institution steht.

Bis heute gibt es keine endgültige Aufklärung. Keine eindeutige Antwort darauf, wie das Feuer entstanden ist. Keine Verantwortung für die Umstände, unter denen ein Mensch gefesselt in staatlichem Gewahrsam verbrannte.
Doch eines ist klar: Oury Jalloh ist tot und der Staat ist nicht unschuldig.

Wir solidarisieren uns mit dem andauernden Kampf um Wahrheit!
Überall Polizei – nirgendwo Gerechtigkeit!