Am Abend des 10. November war es in der Kemptener Innenstadt bereits dunkel. Trotz der Dunkelheit war weiterhin viel los in der Stadt. Mit Schwämmen, Wasser, Kerzen und Rosen machten wir uns auf den Weg zu den Stolpersteinen.
Obwohl wir im Alltag oft an ihnen vorbeigehen, fällt leicht aus dem Blick, wie viele dieser kleinen Gedenktafeln im Stadtgebiet liegen. An diesem Abend stellten wir fest, dass die Steine noch nicht gereinigt worden waren. Für uns war das ein Hinweis darauf, wie wichtig es ist, bewusst Zeit für das Gedenken einzuplanen. Gerade rund um die Reichspogromnacht sollte das Reinigen der Stolpersteine ein sichtbares Zeichen des antifaschistischen Gedenkens sein.
Wir säuberten die Steine nacheinander und sprachen dabei über die Ereignisse vom 9. November 1938: über brennende Synagogen, zerstörte Geschäfte und die Gewalt, der jüdische Menschen damals ausgesetzt waren. Die Reichspogromnacht markierte den Übergang von systematischer Diskriminierung zur planmäßigen Vernichtung.
Ein Thema war für uns auch Andor Ákos, der Architekt und Künstler, dessen Arbeiten das Stadtbild Kemptens bis heute prägen. Nach der Aufdeckung seiner jüdischen Herkunft wurde er 1940 in den Suizid gedrängt. Sein Schicksal steht für viele Biografien, die durch das NS-Regime zerstört wurden.
Dabei wurde sichtbar, dass dieses Gedenken bis heute notwendig bleibt. Rechtsextreme Tendenzen nehmen europaweit zu, und gesellschaftliche Stimmungen verschieben sich. Umso wichtiger ist es, historische Verantwortung ernst zu nehmen und klare Haltung zu zeigen.
„Nie wieder“ darf kein formelhafter Satz sein. Er verlangt Wachsamkeit im Alltag.
Als wir fertig waren, standen die Kerzen neben den frisch gereinigten Stolpersteinen. Sie waren wieder gut sichtbar – als Erinnerungsorte, die nicht übersehen werden sollen.